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    „Nürnberg ist eine Stadt der Herzlichkeit“ – In Memoriam Sonny Hennig

    13. Juli 2019

13. Juli 2019

„Nürnberg ist eine Stadt der Herzlichkeit“ – In Memoriam Sonny Hennig





Am 18. August 2019 ist Sonny Hennig gestorben – Radiokollege, Deutschrock-Ikone und Autor. 

Statt eines Nachrufs hier der Text über Sonny für das Buch „Nürnberger Originale“, das 2010 erschienen ist und für das Sonny Roland Rosenbauer damals ein langes Interview gegeben hat.

Sonny Hennig ist zwar kein gebürtiger Nürnberger – aber dafür im Herzen ein Franke! In Thüringen geboren kann er sich an etliche Situationen erinnern, obwohl er erst vier Jahre alt war.
„Wir sind auf dem Weg nach Nürnberg in Bebra umgestiegen, die DDR gab es noch nicht; überall war russisches Militär“, erinnert sich Hennig
Er ist in den 50er Jahren hinter dem Nordklinikum aufgewachsen. Viel Ruinen, auch das Schwesternwohnheim war eine einzige Ruine. So hat er Alteisen gesammelt und dafür 50 Pfennig bekommen, die gleich in Eis umgesetzt wurden.
„Wenn ein Auto den Kirchenweg entlang kam haben wir alle geschrieen“, meint er.
Wie er zur Musik kam? Es ging spät los, denn er hat alle Instrumente autodidaktisch gelernt. Er erinnert sich noch gut an seine erste Klavierstunde. „Da hat die Lehrerin gesagt, dass das nichts wird. So musste ich mir das selber beibringen. Ich habe gerne mit verbundenen Augen gespielt; Keyboard oder Schlagzeug“, schmunzelt Hennig, „ich musste die Musik fühlen“.
Bob Dylan hatte großen Einfluss auf seine Musik. Später lernte er Ernst Schulz kennen, der ihn in Paris angesprochen hat.
„Er sagte zu mir: „Willst du nicht in die Rockband einsteigen? Wir haben dann Telefonnummern ausgetauscht. Er hat wohl gesehen, dass ich aussah wie Mick Jagger. Ich ging mit zu den Proben und habe mir das angehört. Dann haben wir ein paar Songs eingeübt.“
Sonny Hennig und die Band waren die ungekrönten Häupter. Die Mädels haben gekreischt. Wenn er die Straßenbahn gewechselt hat, waren gleich Teenager um ihn. „Wir waren die Rolling Stones von Nürnberg“, zwinkert Hennig.
Sonny Hennig und die Empire State Band haben viel bei den Amerikanern gespielt. Dort lernte er einen schwarzen GI kennen, mit dem er Kontakt pflegte. 1967 ging er nach New York und wohnte bei ihm in Harlem. Sonny war oft der einzige Weiße auf der Straße. Er spielte viel Soulmusik. Hinterfragte diese Musik aber oft.



„Ich hatte das Gefühl nicht glaubwürdig zu sein“, meinte Hennig, „das war nicht unser Ding in kultureller Hinsicht. Also sagte ich zu der Band, wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir etwas machen was die Amis nicht können. Wir sind Deutsche, warum sollten wir dann nicht deutsche Musik spielen?“
Allerdings wollten sie sich vom deutschen Schlager abheben. Eine Alternative musste her. Texte waren ihnen wichtig. Sie wollten etwas sagen, human sein, etwas ausdrücken, mit kritischen Texten – das zeichnete ‚Ihre Kinder’ aus.
Damit war ‚Ihre Kinder’ geboren, die erste deutsche Rockband. Hennig glaubt, dass Deutsch-Rock früher oder später populär geworden wäre. „Wir waren halt einfach schneller!“, sagt er. Es gab einige Nachahmer in den 70ern, wie Ton Steine Scherben und Udo Lindenberg. Sie haben sich öfter getroffen. „Lindenberg hat das auch schnell begriffen mit dem Deutsch singen.“
Warum sie nicht den Erfolg hatten, lag unter anderem am Bayerischen Rundfunk, der der Band keinerlei Unterstützung gewährt hat und an Nürnberg. Der Südwestfunk allerdings hat sie oft gespielt. Damals gab es noch keine Privatsender. In jedem Bundesland war ein öffentlich-rechtlicher Sender und viele Redakteure hatten damals ein Problem mit politischen Texten.
„Ein einziger Song ist im Bayerischen Rundfunk gelaufen“, sagt Hennig, „nämlich, Wenn Liebe das ist.“
Die Band hat viel live gespielt. ‚Ihre Kinder’ war eindeutig anders, schon allein wegen der ansprechenden Texte. „Wir hätten uns damals auf wichtige Auftritte konzentrieren sollen“, meint Sonny Hennig, „wir waren jung und unerfahren. 20 Tage pro Monat on Tour, das ist sehr anstrengend. Für Außenstehende wirkte das so, als wenn wir viel Spaß hatten. Es gab Studentenverbindungen, zum Beispiel die Maoisten oder Trotzkisten. Nach den Konzerten wurde immer heftig diskutiert, aber das war sehr stressig und aufreibend.“

Sonny Hennig erinnert sich an Klaus Kinski, mit dem er zusammen aufgetreten ist. Kinski wollte eine Bibellesung veranstalten und ‚Ihre Kinder Songs’ einbauen. Die ganze Lesung endete in einem Desaster. Sie haben nur zwei Wochen zusammengearbeitet.
„Kinski wollte mich kennen lernen. So bin ich mit gemischten Gefühlen nach München gefahren. Als ich in das Zimmer ging, in dem er auf mich wartete, lachte mich Kinski an und meinte: ‚Mein Gott, du hast ja auch so eine Fresse!’, ich habe ihn als hoch professionell erfahren. Er war schwierig, immer wenn Öffentlichkeit dabei war. Er war der Kumpel schlechthin. Natürlich gab es auch Streit und Probleme. Er war halt ein Typ, der nie die Hintertür nahm.“
Kinski wurde gewarnt eine Bibellesung in Berlin zu veranstalten. Die APO war präsent. Er hat es wohl nicht verstanden. Die Veranstaltung artete in einen großen Tumult aus. Die Tagesschau sendete einige Szenen. „Vielleicht wäre eine sphärische Band im Hintergrund besser gewesen“, meint Hennig. Er ist dann wieder zum Geldverdienen zurück zu den Amiclubs und ins eigene Studio.

Vor etwa drei Jahren hat Hennig begonnen kleine Geschichten aus der Ursprungszeit, Mitte der 60er Jahre, aufzuschreiben. Er will sie „Rockmanns Erzählungen“ nennen und er hofft, dafür einen Verleger zu finden.
Hennig ist Nürnberger und Kosmopolit. Es hat ihn geprägt, viel unterwegs gewesen zu sein. Für ihn ist Nürnberg die charmanteste Großstadt, die er kennt. „Allmächd“ sagt er, wenn er an den Nürnberger denkt. Für ihn sind Günter Stössel, Maximilian Kerner (Lyriker, Musiker, Grafiker und Buchhändler, gest. 2005) und Bernd Regenauer Nürnberger Originale. Sie transportieren das ‚Nürnberg sein“ authentisch und auf sehr gute Weise.
Nürnberg und seine Architektur hat sich nicht unbedingt zum Positiven verändert. Er kennt den Wöhrder Talübergang noch als Schotterpiste. Und er denkt dabei auch an das Lindestadion. Auch der „Club“ hat sich verändert.
„Nürnberg war schon immer etwas problematisch, aber das macht die Franken auch charmant. Es langt halt immer nicht ganz“, sagt Hennig.
Das Schönste für ihn war immer nach seiner ‚Rumreiserei’ zurück nach Hause, nach Nürnberg, zu kommen. Er liebt an seiner Stadt die Gemütlichkeit, die noch nicht ganz verloren gegangen ist. Dabei betont er das Wort ‚noch“ besonders.
„Warum kann man nicht etwas so belassen wie es ist. Gerade, wenn man feststellt, dass es funktioniert. Das Internet ist sicher gut, aber es hat auch viel Schlechtes gebracht. Natürlich ist es auch schön, wenn man immer über Handy erreichbar ist. Aber muss man das wirklich sein? Technik – schön und gut – es kommt darauf an, wie man damit umgeht.“





Wer mehr über ‚Ihre Kinder’ erfahren möchte: www.ihrekinder.com







Der Text von Ursula Schmidt-Spreer und Roland Rosenbauer ist im Buch Nürnberger Originale zu finden.


  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag: Wellhöfer Verlag (31. Oktober 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3939540552
  • ISBN-13: 978-3939540557



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